Kampf mit dem Versorgungsamt

Der steinige Weg zum Schwerbehindertenausweis und blauem Parkausweis. Nie hätte ich gedacht, einmal einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Zwar habe ich schon lange Einschränkungen beim Laufen, aber diese Option kam für mich eigentlich nie in Frage. Vermutlich auch wegen der falschen Vorstellungen was so ein Ausweis überhaupt ist und wohl auch wegen seines Namens. Nachdem es mit dem Gehen aber immer schlechter geworden ist, habe ich mir irgendwann überlegt wie praktisch es doch wäre, die Behindertenparkplätze nutzen zu können. Irgendwann einmal hat mich meine Physiotherapeutin gefragt, warum ich nicht einen Schwerbehindertenauseis beantrage. Schließlich würden auch Leute so einen Ausweis beantragen und auch erhalten, die Diabetiker sind und Insulin spritzen müssen – und ich könne schon gar nicht mehr richtig laufen. Warum soll ich nicht etwas bekommen können, das mir eigentlich zusteht ? Der Vergleich mit einem Diabetiker erschien mir so lächerlich, dass ich mich mehr und mehr mit dem Ausweis beschäftigt habe. Letztendlich habe ich den Entschluss gefasst, auch zu versuchen einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Ein paar Wochen später hatte ich einen Termin bei meinem Hausarzt zu einem Gespräch.

Ich ging sehr skeptisch in das Gespräch weil ich dachte, mir würde so ein Ausweis gar nicht zustehen. Schließlich würde es anderen Menschen noch viel schlechter gehen als mir. Nach ein paar Minuten Gespräch mit meinem Hausarzt und ein paar überwachten Gehversuchen und Schritten, unterstützt von meinem Arzt, stand dessen Entscheidung sofort fest. „Sie können ja keine 20 Meter alleine laufen“ sagte dieser entsetzt. Er diktierte seiner Angestellten einen Brief an das zuständige Versorgungsamt, in dem er einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkzeigen „B“, „aG“ und „RF“ für mich beantragte. Ich war erstaunt, wie entschlossen er in seinem Antrag war, da er in seinen Augen mehr als begründet war. Das hätte ich nicht gedacht.

Einige Zeit verging, und es kam Post vom zuständigen Versorgungsamt. Darin ein Schwerbehindertenausweis mit dem Merkteichen „G“ und dem „GdB 60“ ausgewiesen, mehr nicht. Ich hatte etwas ganz anderes erwartet, nach dem was mein Arzt alles beantragt hatte. Inzwischen habe ich mich auch erkundigt, was Merkzeigen und GdB angeht. Mein Entschluss stand so fest wie noch selten etwas. Ich will einen Parkausweis haben, alles andere ist keine Option. Da ich inzwischen noch schlechter laufen konnte, habe ich mich entschlossen, wenn nötig auch einen Anwalt einzuschalten.

Ich habe gegen den GdB 60 einen Widerspruch eingelegt und habe dem Versorgungsamt geschrieben, dass ich keine 100 Meter mehr laufen kann. Nach einiger Zeit kam erneut Post vom Versorgungsamt mit einem neuen Ausweis. Diesmal ist der GdB 70 ausgewiesen, wieder mit dem Merkzeichen „G“. Allmählich wurde ich wütend und habe beim Versorgungsamt selbst angerufen, habe dort mein Anliegen geschildert.

Dann bin ich erneut zu meinem Neurologe. Dieser hat mir nach ein paar Tests bescheinigt, dass ich nicht ohne fremde Hilfe stehen kann. Aber dass ich die Merkzeichen „aG“ für einen Parkausweis bekommen könnte, hielt er für nicht sehr wahrscheinlich. Er war schon über den GdB von 60 nach dem Erstantrag erstaunt. Seine Bescheinigung habe ich zusammen mit einem erneuten Schreiben von mir an das Versorgungsamt gesendet. Gleich danach habe ich wieder beim Versorgungsamt angerufen und mein Anliegen vorgetragen.

Wieder einige Zeit verging und es kam ein neuer Schwerbehindertenausweis mit GdB 70 und den Merkzeichen „G“ und „B“ zurück. Inzwischen kannte die zuständige Sachbearbeiterin schon meine Stimme, weil ich alle zwei Wochen dort angerufen hatte und habe mich nach dem Sachstand erkundigt.

So, nun wusste ich aber inzwischen, dass man mit den Merkzeichen „G“ und „B“ gemeinsam mit dem GdB 70 schon einen orangefarbenen Parkausweis beantragen kann. Die Straßenverkehrsbehörde teilte mir mit, dass man mit den vorhandenen Merkzeichen bereits einen Parkausweis orange beantragen könne, aber der GdB 80 eigentlich notwendig wäre, wenn man MS hat. Absolut unverständlich, da ja der Parkausweis orange besagt, dass man nicht mehr als 2 km gehen kann. Ich kann aber keine 20 Meter gehen und trotzdem steht mir eine solche Parkerleichterung nicht zu.

Egal, also einfach bei der Straßenverkehrsbehörde einen Antrag auf Erteilung der Parkerleichterung orange gestellt und dem Versorgungsamt mitgeteilt, dass sie diesem dann auch bitte zustimmen sollten – dort fragt die Straßenverkehrsbehörde nämlich nach. Einige Wochen später kam dann tatsächlich ein Schwerbehindertenausweis mit GdB 80 und den Merkzeichen „G“ und „B“ hier an. Die Sachbearbeiterin beim Versorgungsamt hat freitags schon bei mir angerufen um mir mitzuteilen, dass sie mir jetzt den GdB 80 für den Parkausweis geben – damit ich am Wochenende ruhig schlafen kann und nicht mehr anrufen müsse, hat sie gesagt. Der Parkausweis in orange war wenige Tage später beantragt und konnte auf dem Amt abgeholt werden.

Gegen Mitte letzten Jahres ist es mit dem Laufen nochmal etwas schlechter geworden. In der Wohnung nur mit Rollator, außerhalb nur mit Rollstuhl. Also, jetzt geht’s dann aufs Ganze. Habe die Pflegestufe 1 beantragt und nach Prüfung durch den MdK auch sofort erhalten. Die Worte des MdK werde ich so schnell nicht vergessen. „Warum haben Sie die Pflegestufe erst jetzt beantragt ? Die hätten Sie schon viel früher haben können“. Damit war alles klar. Da hatte mein Neurologie vielleicht schon recht indem er mal sagte, dass ich zu den Menschen gehöre, die alles “herunterspielen” und sich mit allem arrangieren.

Also den Bericht des MdK an das Versorgungsamt geschickt und eine Aufstockung beantragt. Ohne weitere Nachfrage habe ich “aG” mit GdB 90 bekommen – und das Ganze auch noch unbefristet. Ich glaube, bis dahin habe ich bestimmt 20 mal beim Versorgungsamt angerufen. Wenn man den blauen Parkausweis haben will, dann bekommt man ihn auch. Hat insgesamt aber 13 Monate gedauert, man muss da wirklich dranbleiben und darf sich nichts gefallen lassen. Nach diesem Weg ist man abgebrühter als vorher und sieht einige Dinge mit ganz anderen Augen.